Interview-Leitfaden in sechs Schritten erstellen
- Erkenntnisziel formulieren: Halte fest, welche Produkt- oder Forschungsentscheidung das Interview unterstützen soll. Formuliere eine offene Leitfrage, zum Beispiel: „Wie finden neue Kund:innen den passenden Tarif?“
- Teilnehmende und Rahmen planen: Leite Auswahlkriterien aus der Frage ab und kläre Anzahl, Dauer, Ort, Barrierefreiheit, Einwilligung und Aufzeichnung.
- Themenblöcke skizzieren: Ordne Inhalte vom einfachen Einstieg über konkrete Erlebnisse bis zu Problemen und Verbesserungswünschen. Plane einen offenen Abschluss ein.
- Fragen aus Erlebnissen ableiten: Frage nach konkretem Verhalten und erinnere an eine bestimmte Situation. Vermeide hypothetische Fragen wie „Was würden Sie tun?“ als Ersatz für beobachtbare Erfahrungen.
- Nachfragen vorbereiten: Ergänze neutrale Probes wie „Was passierte dann?“, „Was haben Sie dabei erwartet?“ und „Können Sie mir mehr dazu erzählen?“
- Leitfaden testen und kürzen: Lies ihn laut vor oder führe ein Pilotinterview. Streiche doppelte oder missverständliche Fragen und plane genügend Zeit für unerwartete Antworten ein.
Bewährte Reihenfolge im Gespräch
| Abschnitt | Zweck | Beispiel |
|---|---|---|
| Einstieg | Vertrauen schaffen und Kontext verstehen | „Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?“ |
| Konkretes Erlebnis | Tatsächliches Verhalten rekonstruieren | „Erzählen Sie mir vom letzten Mal, als Sie online einen Tarif ausgewählt haben.“ |
| Vertiefung | Hürden, Erwartungen und Entscheidungen verstehen | „Was haben Sie an dieser Stelle erwartet?“ |
| Abschluss | Fehlende Themen ergänzen | „Gibt es noch etwas, das wir nicht angesprochen haben?“ |
Beispielfragen: neutral fragen statt Antworten vorzugeben
| Gute Frage (Do) | Ungünstige Frage (Don’t) | Warum? |
|---|---|---|
| „Erzählen Sie mir vom letzten Mal, als Sie online eine Rechnung bezahlt haben.“ | „Finden Sie unseren Bezahlvorgang einfach?“ | Fragt nach einem konkreten Erlebnis statt nach Zustimmung oder einer allgemeinen Bewertung. |
| „Was haben Sie erwartet, nachdem Sie auf ‚Weiter‘ geklickt haben?“ | „War die Rückmeldung nach dem Klick hilfreich?“ | Erfragt die Erwartung, ohne eine positive Wirkung nahezulegen. |
| „Was haben Sie als Nächstes getan?“ | „Haben Sie die Suche benutzt?“ | Gibt keine bestimmte Handlung vor, an die sich die befragte Person erinnern soll. |
| „Was war an diesem Schritt schwierig?“ | „Der Schritt war verwirrend, oder?“ | Unterstellt keine Schwierigkeit und lässt Raum für eine andere Antwort. |
Do: eine Frage auf einmal stellen, neutral bleiben, Pausen zulassen und bei allgemeinen Antworten nach einem konkreten Beispiel fragen. Don’t: Antworten bewerten, Optionen vorgeben oder mehrere Fragen in einem Satz bündeln.
Die UX-Interview-Checkliste bündelt die Vorbereitung in vier Phasen: Forschungsziel und Teilnehmende, Leitfaden und Fragen, Durchführung sowie Nachbereitung und Datenschutz.
Checkliste: Interview-Leitfaden erstellen
UX Research · Qualitative Erhebung
Version 2.0
1. Forschungsziel & Teilnehmende
Welche Informationen sollen erhoben werden, von wem und warum?
Stichprobe auf die Fragestellung abstimmen und relevante Erfahrung sowie Ausschlusskriterien dokumentieren
Abhängig von Zielstellung und Erfahrung der Interviewenden
z. B. Einstiegsfragen, Hauptfragen, Vertiefungsfragen, Nachfragen
z. B. Nutzungskontext, Aufgaben, Probleme, Wünsche, Einstellungen
z. B. auf Basis mentaler Modelle oder bekannter UX-Probleme
2. Leitfaden & Fragen
Vermeidung von Suggestion, Wertung oder geschlossenen Antwortoptionen
Warm-up → Hauptthemen → Abschluss
Verständlichkeit und Anschlussfähigkeit erhöhen
z. B. mit Leerstellen oder Übergängen
3. Durchführung vorbereiten
Zweck, Datenschutz, freiwillige Teilnahme, Aufzeichnung
Freiwilligkeit, Aufzeichnung, Zugriff, Speicherdauer und Widerruf verständlich erklären
z. B. aktives Zuhören, Umgang mit Pausen, neutrale Nachfragen
Ton, Verbindung, Einwilligung und benötigte Anpassungen vorab testen
Testlauf durchführen und Dauer, Verständlichkeit sowie Reihenfolge anpassen
4. Nachbereitung & Daten
Notizen zeitnah vervollständigen, personenbezogene Angaben minimieren und Erkenntnisse systematisch auswerten
Zuletzt geändert: 1. November 2026