Usability-Test durchführen
Ein Usability-Test zeigt, ob reale Nutzende mit einem Produkt ihre relevanten Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend erreichen können. Diese Anleitung erklärt den Ablauf Schritt für Schritt.
Kurz erklärt
Bei einem Usability-Test bearbeiten Personen aus der relevanten Zielgruppe typische Aufgaben mit einem Produkt. Dabei werden ihr Verhalten, ihre Leistung und ihre Rückmeldungen systematisch untersucht, um Usability-Probleme zu identifizieren.
Was ist ein Usability-Test?
Ein Usability-Test ist eine empirische Methode zur Untersuchung der Gebrauchstauglichkeit eines Produkts.
Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, ob ein Interface aus Sicht von Designer:innen oder Entwickler:innen verständlich erscheint.
Entscheidend ist:
Können reale Nutzende mit dem Produkt ihre relevanten Ziele erfolgreich erreichen?
Dazu bearbeiten Testpersonen typische Aufgaben. Währenddessen können beispielsweise beobachtet werden:
- ob Aufgaben erfolgreich abgeschlossen werden,
- welche Fehler auftreten,
- wie viel Zeit benötigt wird,
- wo Unsicherheiten entstehen,
- welche Erwartungen Nutzende haben,
- wie sie die Interaktion erleben.
Usability-Tests sind damit besonders geeignet, um konkrete Probleme im Nutzungserleben sichtbar zu machen.
Wie läuft ein Usability-Test ab?
Ein Usability-Test lässt sich in sieben grundlegende Schritte unterteilen:
- Ziel der Untersuchung definieren
- Nutzungskontext und Zielgruppe bestimmen
- Realistische Aufgaben entwickeln
- Geeignete Testpersonen rekrutieren
- Testablauf vorbereiten und pilotieren
- Usability-Test durchführen
- Ergebnisse auswerten und priorisieren
1. Ziel des Usability-Tests definieren
Am Anfang steht die Frage:
Was soll durch den Usability-Test untersucht werden?
Mögliche Fragestellungen sind:
- Wird der Anmeldeprozess verstanden?
- Können Nutzende ein bestimmtes Produkt finden?
- Welche Probleme treten während des Bestellvorgangs auf?
- Ist die Navigation verständlich?
- Können Nutzende eine zentrale Funktion ohne Unterstützung verwenden?
Ein klar definiertes Untersuchungsziel erleichtert alle weiteren Schritte.
Es hilft insbesondere dabei,
- relevante Aufgaben auszuwählen,
- geeignete Testpersonen zu bestimmen,
- passende Messgrößen festzulegen,
- und die Ergebnisse später sinnvoll zu interpretieren.
2. Nutzungskontext und Zielgruppe bestimmen
Ein Usability-Test sollte sich an den tatsächlichen Bedingungen der Nutzung orientieren.
Dazu sollte zunächst definiert werden:
Wer sind die relevanten Nutzenden?
Mögliche Merkmale sind:
- Erfahrung mit vergleichbaren Produkten,
- fachliches Vorwissen,
- Häufigkeit der Nutzung,
- technische Kompetenzen,
- spezifische Anforderungen der Zielgruppe.
Welche Ziele verfolgen die Nutzenden?
Ein Test sollte sich auf relevante Ziele konzentrieren.
Bei einem Online-Shop könnte beispielsweise untersucht werden, ob Personen:
- ein bestimmtes Produkt finden,
- Produkte vergleichen,
- Informationen zu Versand und Rückgabe finden,
- einen Kauf erfolgreich abschließen.
Unter welchen Bedingungen wird das Produkt verwendet?
Relevant können beispielsweise sein:
- Desktop oder Smartphone,
- ruhige oder ablenkende Umgebung,
- private oder berufliche Nutzung,
- Zeitdruck,
- spezielle technische Voraussetzungen.
Wichtig
Ein Usability-Test untersucht nicht einfach, ob ein Produkt allgemein „gut“ oder „schlecht“ ist.
Die Ergebnisse beziehen sich immer auf bestimmte Nutzende, Aufgaben und Nutzungskontexte.
3. Realistische Aufgaben entwickeln
Die Qualität der Aufgaben ist einer der wichtigsten Faktoren für einen aussagekräftigen Usability-Test.
Eine gute Aufgabe sollte:
- ein realistisches Ziel abbilden,
- für die Zielgruppe relevant sein,
- möglichst neutral formuliert sein,
- keinen Lösungsweg vorgeben.
Weniger geeignet wäre beispielsweise:
„Klicken Sie auf ‚Tickets buchen‘ und wählen Sie anschließend Berlin aus.“
Diese Formulierung verrät bereits den Lösungsweg.
Besser wäre:
„Stellen Sie sich vor, Sie möchten für nächste Woche eine Zugfahrt nach Berlin buchen. Wie würden Sie vorgehen?“
Die zweite Formulierung ermöglicht es, das tatsächliche Verhalten der Testperson zu beobachten.
4. Testpersonen auswählen
Die Testpersonen sollten möglichst gut zur tatsächlichen Zielgruppe passen.
Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der Teilnehmenden.
Wichtig ist auch:
- Wie heterogen ist die Zielgruppe?
- Welche unterschiedlichen Nutzungsszenarien existieren?
- Soll ein explorativer Test durchgeführt werden?
- Sollen quantitative Kennzahlen geschätzt oder Gruppen verglichen werden?
Kleine qualitative Usability-Tests können bereits wichtige Probleme sichtbar machen.
Wenn jedoch präzise quantitative Aussagen getroffen, Varianten verglichen oder Unterschiede zwischen Nutzergruppen untersucht werden sollen, sind in der Regel größere Stichproben erforderlich.
5. Testablauf vorbereiten und pilotieren
Vor der eigentlichen Datenerhebung sollte der Testablauf vollständig vorbereitet werden.
Dazu gehören:
- Begrüßung und Einführung,
- Erklärung des Testablaufs,
- Aufgaben und Szenarien,
- Erfolgskriterien,
- Beobachtungskriterien,
- technische Vorbereitung,
- Aufzeichnung der Sitzung,
- Abschlussfragen.
Besonders wichtig ist ein Pilot-Test.
Durch eine Pilotierung lassen sich beispielsweise erkennen:
- unklare Aufgabenformulierungen,
- technische Probleme,
- ungeeignete Zeitvorgaben,
- fehlende Instruktionen,
- missverständliche Erfolgskriterien.
6. Usability-Test durchführen
Während des Tests bearbeiten die Testpersonen die vorbereiteten Aufgaben.
Dabei können unterschiedliche Daten erhoben werden.
Verhalten
Beobachtet werden kann beispielsweise:
- Navigation,
- Klickverhalten,
- Suchstrategien,
- Fehler,
- Abbrüche,
- Umwege.
Leistung
Mögliche Kennzahlen sind:
- Aufgabenerfolg,
- Task Success Rate,
- Bearbeitungszeit,
- Anzahl kritischer Fehler,
- Unterstützungsbedarf.
Subjektives Erleben
Zusätzlich können erfasst werden:
- wahrgenommene Einfachheit,
- Zufriedenheit,
- Vertrauen,
- Frustration,
- Erwartungen und Rückmeldungen.
Lautes Denken
Beim Lauten Denken werden Testpersonen gebeten, ihre Gedanken während der Bearbeitung zu verbalisieren.
Dies kann Hinweise darauf geben,
- was Nutzende erwarten,
- wie sie Informationen interpretieren,
- warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden.
Die Methode sollte jedoch nicht mit natürlichem Nutzungsverhalten gleichgesetzt werden, da die zusätzliche Verbalisierung selbst den Interaktionsprozess beeinflussen kann.
Moderiert oder unmoderiert?
Moderierte Usability-Tests
Bei einem moderierten Test wird die Sitzung durch eine Moderatorin oder einen Moderator begleitet.
Vorteile:
- Rückfragen sind möglich,
- Beobachtungen können vertieft werden,
- Missverständnisse können besser eingeordnet werden,
- komplexe Aufgaben können untersucht werden.
Nachteile:
- höherer organisatorischer Aufwand,
- längere Durchführungszeit,
- mögliche Beeinflussung durch die Moderation.
KI Unmoderierte Usability-Tests
Bei unmoderierten Tests bearbeiten die Teilnehmenden die Aufgaben selbstständig.
Vorteile:
- flexible Durchführung,
- geringerer Moderationsaufwand,
- größere Stichproben leichter erreichbar,
- gute Skalierbarkeit.
Nachteile:
- keine unmittelbaren Rückfragen,
- weniger Kontext für beobachtetes Verhalten,
- höhere Anforderungen an die Klarheit der Aufgaben.
7. Ergebnisse auswerten
Die Auswertung sollte über einzelne Beobachtungen hinausgehen.
Ein systematischer Prozess kann beispielsweise folgende Schritte umfassen:
Probleme identifizieren
Zunächst werden Situationen gesammelt, in denen:
- Aufgaben nicht erfolgreich abgeschlossen wurden,
- Fehler auftraten,
- Unsicherheit sichtbar wurde,
- unnötige Umwege entstanden,
- Erwartungen nicht erfüllt wurden.
Probleme beschreiben
Jedes Problem sollte möglichst konkret dokumentiert werden.
Zum Beispiel:
Nutzer:innen finden die Informationen zu den Versandkosten nicht, weil sie diese nicht unter „Lieferung“ erwarten.
Eine solche Beschreibung ist hilfreicher als:
„Navigation verbessern.“
Ursachen analysieren
Anschließend sollte untersucht werden:
- Warum tritt das Problem auf?
- Welche Elemente des Interfaces sind beteiligt?
- Welche Erwartungen werden verletzt?
- Betrifft das Problem mehrere Nutzende?
Probleme priorisieren
Nicht jedes Problem ist gleich relevant.
Bei der Priorisierung können berücksichtigt werden:
- Schwere des Problems,
- Häufigkeit,
- Anzahl der betroffenen Personen,
- Auswirkungen auf die Zielerreichung,
- Auswirkungen auf zentrale Produktziele.
Was misst ein Usability-Test?
Ein Usability-Test kann verschiedene Dimensionen der Gebrauchstauglichkeit untersuchen.
| Dimension | Zentrale Frage | Mögliche Messgrößen |
|---|---|---|
| Effektivität | Wird das Ziel erreicht? | Task Success Rate, Fehler, Vollständigkeit |
| Effizienz | Wie viel Aufwand ist erforderlich? | Time on Task, Interaktionsschritte |
| Zufriedenheit | Wie wird die Nutzung erlebt? | Ratings, Fragebögen, Interviews |
Diese Struktur lässt sich unmittelbar mit dem Rahmenwerk der ISO 9241-11 verbinden.
Typische Fehler bei Usability-Tests
Ungeeignete Testpersonen
Wenn die Testpersonen nicht zur Zielgruppe passen, können die Ergebnisse nur eingeschränkt auf die tatsächliche Nutzung übertragen werden.
Suggestive Aufgaben
Aufgaben sollten nicht bereits Hinweise auf den erwarteten Lösungsweg geben.
Fehlende Erfolgskriterien
Ohne vorher definierte Kriterien ist schwer zu entscheiden, ob eine Aufgabe erfolgreich abgeschlossen wurde.
Fehlende Pilotierung
Probleme mit Aufgaben, Technik oder Ablauf werden dann möglicherweise erst während der eigentlichen Untersuchung sichtbar.
Unscharfe Problemdefinition
Beobachtungen sollten möglichst konkret beschrieben und vom eigentlichen Interpretationsprozess getrennt werden.
Einzelbeobachtungen überinterpretieren
Nicht jede einzelne Aussage oder Handlung einer Testperson ist automatisch ein allgemeines Usability-Problem.
Die Interpretation sollte berücksichtigen:
- Wiederkehrende Muster,
- Kontext,
- unterschiedliche Nutzergruppen,
- weitere verfügbare Daten.
Usability-Test planen: Die wichtigsten Fragen
Bevor du mit einem Usability-Test beginnst, solltest du diese Fragen beantworten können:
- Was soll untersucht werden?
- Welche Nutzenden sind relevant?
- Welche Ziele und Aufgaben sollen getestet werden?
- Woran wird Erfolg gemessen?
- Welche Daten sollen erhoben werden?
- Wie werden Testpersonen ausgewählt?
- Wie werden Ergebnisse dokumentiert und priorisiert?
Praktischer nächster Schritt
Plane deinen nächsten Usability-Test systematisch.
Nutze eine strukturierte Checkliste, um Untersuchungsziel, Zielgruppe, Aufgaben, Erfolgskriterien, Durchführung und Auswertung vorzubereiten.
Fazit
Ein Usability-Test liefert besonders dann aussagekräftige Ergebnisse, wenn er nicht als spontane Sammlung einzelner Nutzermeinungen verstanden wird.
Eine systematische Untersuchung definiert:
- relevante Nutzende,
- konkrete Ziele,
- realistische Aufgaben,
- Erfolgskriterien,
- geeignete Messgrößen,
- und einen nachvollziehbaren Auswertungsprozess.
So können konkrete Usability-Probleme identifiziert, priorisiert und in evidenzbasierte Verbesserungsmaßnahmen übersetzt werden.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein Usability-Test?
Wie führt man einen Usability-Test durch?
Wie viele Testpersonen braucht man für einen Usability-Test?
Was ist der Unterschied zwischen moderierten und unmoderierten Usability-Tests?
Welche Aufgaben eignen sich für einen Usability-Test?
Was misst ein Usability-Test?
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Hass, C. (2019). A practical guide to usability testing. In User Experience Research (pp. 117–134). https://doi.org/10.1007/978-3-319-96906-0_6
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Guna, J., Stojmenova-Duh, E., & Pogačnik, M. (2017). Users’ viewpoint of usability and user experience testing procedure. Multimedia Tools and Applications. https://doi.org/10.1007/S11042-016-3898-9
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Reeves, S. (2019). How UX practitioners produce findings in usability testing. ACM Transactions on Computer-Human Interaction (TOCHI). https://doi.org/10.1145/3299096
Zuletzt geändert: 17. September 2026